Raimund Girke

Raimund Girke: Ohne Titel, 1987, Öl auf Leinwand, 220x240cm

Aus der Ferne betrachtet, scheinen sich Schemen und Strukturen aus dem Weiß des Bildes zu erheben. Doch je näher der Betrachter tritt, desto mehr verwandelt sich diese Illusion und umso deutlicher wird, dass das Bild aus abgestuften, in sich differenzierten, weißen Pinselstrichen besteht, die jede Form von Figürlichkeit von sich weisen. Wirken die zahlreichen Striche im ersten Moment beinahe chaotisch gesetzt, so erkennt der Betrachter bald die wohlüberlegte Setzung, mit der sie aufgetragen wurden. Bald ordnen sie sich zu einer Rhythmik, die unwillkürlich an Musik denken lässt. Eine Harmonie in Weiß und abgestuften Grau-Blautönen, zwischen denen vereinzelt die unterlegten Farbschichten hervorblitzen. Gerade der Wechsel zwischen strahlendem Hell und dunkleren Tönen erzeugt in dem Bild eine Räumlichkeit, die nicht durch Gegenständlichkeit, sondern durch Farben immanente Eigenschaften erzeugt wird. Der frei geschwungene Pinsel wird zum intuitiven Ausdrucksmittel des Malers und offenbart so etwas von seinem Charakter und seinen Emotionen. Im selben Augenblick findet sich der Betrachter aber auch selbst im Bild wieder. Ihm wird ein Spiegel vorgehalten, der ihm sein Innerstes offenbart, wird vom reinen Betrachter zum Teilhaber. Indem Girke seine Bilder weitestgehend monochrom gestaltet, kommt das Weiß mit all seinen Eigenschaften und Besonderheiten vollständig zur Geltung. Es wird, so Girke, ?aller Fesseln ledig, erhält eigenes Leben und offenbart sich nun in voller Kraft?.

Der Künstler begann sein Schaffen unter dem Einfluss des Informel und Tachismus, fing aber schon früh an, seine Farbpalette zu reduzieren, um seine Bilder schließlich nur noch in Weiß zu malen. Später erweiterte Girke seine Farbspektrum um Grau und Schwarz, sowie Blau. In Verbindung mit seinem expressiven Pinselstrich erreichte er so eine dynamische Lichtführung und ein feines Spiel angedeuteter Farbnuancen, die dem Betrachter signalisieren: Weißes Licht ist die Summe, nicht die Abwesenheit aller anderen Farben.

Raimund Girke wurde 1930 in Heinzdorf in Schlesien geboren. Ab 1951 studierte er in der Werkkunstschule Hannover und wechselte 1952 zur Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Von 1966 bis 1971 war er Dozent an der Werkkunstschule Hannover, bevor er ab 1971 eine Professur an der Hochschule der Künste in Berlin einnahm. Raimund Girke starb am 12. Juni 2002 in Köln.

Ole Gerlach

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