Sven Drühl. S.D.N.N.J.M.

Sven Drühl. S.D.N.N.J.M., 2012, Lack auf Leinwand, 180 x 130 cm

Was soll man von einem Bild halten, dessen Maler von sich selbst behauptet nicht malen zu können? Viel mehr, als nach so einer Aussage vermutet – vor allem, wenn der Maler Sven Drühl heißt.

Auf dem hier ausgestellten Werk erhebt sich eine schwarze Stahlkonstruktion vor einem grau-blauen Himmel. Der Zweck des Gebildes ist nicht zu erahnen, doch verbinden sich die einzelnen Träger zu einer Art Röhre, die sich in eine solch schwindelerregende Höhe erstreckt, dass man sich nicht vorstellen mag, ihre Spitze zu erklimmen. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen führt eine durch einzelne Plattformen untergliederte Leiter an ihr hinauf. Sie dient auch als optische Hilfe für den Betrachter und führt seinen Blick durch das Bild. In dieser Hinsicht ist die Leiter unverzichtbar, sorgen doch allein die zahlreichen Querverstrebungen der Konstruktion dafür, dass die genaue Form des Gebildes nur schwer zu ergreifen ist, und verwirren das ihnen folgen wollende Auge. An der Spitze des dargestellten Objektes erhebt sich eine kleine runde Plattform. Kreisförmig um sie herum angeordnete, diagonal verlaufende Streben verbinden sie mit dem Rest der eigenartigen Struktur. Sie führen die Aufmerksamkeit des Betrachters zurück in das Dickicht der schwarzen Träger, in dem er sich nur verlieren kann. Auch der dargestellte Himmel bietet keine Orientierungshilfe: Nur vereinzelt blitzt aus den ineinander fließenden Grautönen etwas Blau hervor. Die fast vollständig geschlossene, dunkle Wolkendecke lässt einen instinktiv Schutz vor dem drohenden Regen suchen, doch bleibt man in dem Stahlgerüst gefangen, von dem man weiß, dass es keinerlei Schutz vor dem Nass bieten kann.

Das Schaffen von Sven Drühl wirkt auf den ersten Blick relativ unscheinbar im Vergleich zu vielen anderen Werken des modernen Kunsthandwerks. Bei genauerer Betrachtung entfaltet es jedoch eine ungeahnte Tiefe und zieht das Publikum zwangsläufig in seinen Bann. Kaum einem anderen Künstler gelingt es, so konsequent mit dem Geschick eines Hochseilartisten auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Kitsch zu balancieren. In einer Art „Retro-Avantgarde“ kopiert Drühl malend Szenen aus Bildern und Fotos bekannter Künstler heraus und fügt sie zu etwas vollständig Neuem zusammen. Dabei zeichnet ihn eine vollkommen eigenständige Technik aus: Die groben Umrisszeichnungen aus Silikon, die die bunten Flächen voneinander trennen, gliedern das Bild. Auf diese Weise entsteht eine Komposition, die an die leuchtenden Fenster hochmittelalterlicher Glasmalerei erinnert. Der so entstehende Effekt lässt das Bild zugleich real und abstrakt erscheinen: Aus der Ferne betrachtet ergibt sich ein stimmiges Landschaftsbild, doch näher getreten zerfällt es in einzelne Farbflächen, die es erschweren, den dargestellten Gegenstand noch als solchen beschreiben und bezeichnen zu können. Oft genug belässt Sven Drühl die Flächen zwischen den Umrissen in einem schlichten Weiß oder Grau, so dass ein idyllisches Landschaftsbild bei ihm den Charakter einer technischen Konstruktionszeichnung erhält. Diese Grenze zwischen Natur und Technik lässt Drühl noch mehr verschwimmen, wenn er die Umrisse einer Landschaft mit leuchtenden Neonröhren nachbildet.

Der 1968 geborene Sven Drühl studierte von 1991 bis 1996 Kunst und Mathematik in Essen. Seitdem folgten mehrere Lehraufträge an verschiedenen deutschen Hochschulen und 2011 eine Gastprofessur in Hangzhou, China. Mit seinen Werken konnte er mehrere namhafte Stipendien gewinnen. 2007 wurde er mit dem Falkenrot-Preis ausgezeichnet, der für das Setzen neuer Maßstäbe in der modernen Malerei verliehen wird.

Ole Gerlach

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