Cornelius Völker, Äpfel

Cornelius Völker, Äpfel, 4 Bilder, 2002, Öl auf Leinwand, je 30x40cm

Der Apfel ist eines der ältesten und am häufigsten verwendeten Motive in der abendländischen Kunst. Im Mittelalter noch als Symbol für den Sündenfall in Szene gesetzt, entwickelte er sich mit der Renaissance zu einem Standardmotiv der Stillebenmalerei und blieb es für die folgenden Jahrhunderte. Gerade in den klassischen Darstellungen liegt der Apfel häufig auf einem Tuch oder auf der glatten, glänzenden Holzoberfläche eines Tisches. Eine in vergleichbaren Brauntönen gehaltene Fläche bildet zwar auch den Untergrund für die Äpfel in Cornelius Völkers kleinformatigen Bildern, die Frucht selbst entzieht sich jedoch der traditionellen Darstellung. Wird der Apfel dort saftig und rund, mit glatt polierter Schale gemalt wird – allerhöchstens noch sauber angeschnitten, um zu zeigen, dass der Künstler unterschiedliche Oberflächen und Stofflichkeiten wiedergeben kann, sind sie hier abgenagt und halb aufgegessen. Keine appetitanregenden Früchte, die sorgsam für ein Stillleben ausgewählt wurden, sind hier zu sehen, nein, lediglich deren Reste. Wer die Werke nur kurz mit den Augen streift, könnte tatsächlich annehmen, die Äpfel hätten nur kurz als Bildmotiv gedient, bevor sie in den Müll wanderten. Doch ergibt sich hier ein anderer Eindruck: Je länger die Bilder betrachtet werden, desto deutlicher wird, wie sorgfältig sie platziert wurden, wie beinahe schon klassisch die Auswahl des Motivs ist. Der Künstler demonstriert, dass er die unterschiedliche Stofflichkeiten von Schale, Fruchtfleisch, Stängel und Kerngehäuse abbilden kann. Bedeutender ist jedoch, dass der Apfel auf diese Weise Teil einer Handlung, einer Geschichte wird. Jeder Griebsch zeigt einzigartige „Gebrauchspuren“, die offenbaren, was einen Apfel ausmacht: er ist kein Objekt, dass gemalt, sondern ein Obst, das gegessen werden will!

Der 1965 in Kronach geborene Maler Cornelius Völker studierte von 1989 bis 1995 an der Kunstakademie Düsseldorf und war bis 1994 Meisterschüler bei Dieter Krieg. Neben der Malerei widmet er sich auch der Fotografie und dem Film. Seit 2005 hat Völker eine Professur für Malerei an der Kunstakademie Münster inne. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

In seinen Werken bildet er häufig einfache Alltagsgegenstände ab. Stellen die Banalität der Motive und die Farbwahl beim Betrachter schnell eine Verbindung zur Pop Art her, so erinnern der pastose Farbauftrag und sichtbare Pinselstrich an impressionistische Kunst und die Werke Alter Meister. Daneben enthalten Völkers Bilder häufig auch inhaltliche Anspielungen an große Vorbilder der Kunstgeschichte: Klassische Themen werden aufgegriffen und mit modernen Einflüssen vermengt, bis sie sich zwischen dem schmalen Grad von Gegenständlichkeit und Abstraktion bewegen.

Ole Gerlach

André Butzer

André Butzer, Friedens-Siemens I, 2000, Öl auf Leinwand, 230x165cm

Das großformatige Gemälde Friedens-Siemens I ist der Ausgangspunkt für die zwischen 2000 und 2002 entstandene Folge der Friedens-Siemense. Das Bild zeigt einen für Butzer typischen abstrakten Aufbau und reine, nicht miteinander vermischte Farbtöne. Wirkt es auf den ersten Blick zwar ungeordnet, gar chaotisch, kann der Betrachter dennoch bekannte Formen ausmachen, die an Fabrikmaschinen erinnern. Seine Kunst ist durch alte Sciene-Fiction-Utopien, Comics von Walt Disney – etwa Donald Duck – und den Freizeitparks Disney World inspiriert. Deren Einfluss zeigt sich durch eine fremdartige Gestalt mit großen Augen und rundem Kopf im oberen linken Bildteil. Ihre Arme und Beine laufen in bunten, teilweise beschrifteten Tentakeln aus. Die über das Bild verstreute Schrift wird vom Künstler als wichtiges Stilmittel eingesetzt, wobei vor allem Firmen- und Produktnamen dominieren und den technischen Charakter des Werkes verstärken. Selbst nicht in diesem Kontext stehende Begriffe wie „Hund“ oder „Liebe“ bekommen so den Hauch von etwas Kommerziellem und Produktartigem. Dem Betrachter wird durch diese Elemente ein sciencefictionartiger Eindruck vermittelt.

Der 1973 in Stuttgart geborene Künstler André Butzer gründet bereits 1996 zusammen mit anderen Künstlern in Hamburg die Akademie Isotrop, um sich – unabhängig von äußeren Einflüssen – sowohl der eigenen künstlerischen Ausbildung als auch der anderer widmen zu können. Seit 2001 lebt und arbeitet er bei Berlin. Schon früh gelang es Butzer, sich bei Kunstsammlern einen Namen zu machen und erste Erfolge zu erzielen. Butzer ist Gründer mehrer fiktiver Firmen und Organisationen wie der Friedens-Siemense Inc., die er selbst als „Hilskonstrukte“ bezeichnet. Sie sind als erfundene Auftraggeber zu lesen, die quasi erst den Anstoß zum Malen geben. Die unter diesem Gesichtspunkt als „Auftragsarbeit“ entstandenen Bilder, können durchaus mit der Historienmalerei vergangener Zeit verglichen werden: sie haben eine bereits im Vorfeld festgelegte politische Aussage. In Butzers Fall wird diese durch die Agenda der Scheinfirmen bestimmt, deren Inhalt sich in der Regel im Namen widerspiegelt: z.B. Frieden oder Traumforschung.

Ole Gerlach

Brian John Parker

Brian John Parker, o.T., 60x45cm, 2002, Pastell auf Papier

Einheit und Vielfalt. Damit lässt sich das Werk von Brian John Parker am besten Beschreiben. Die surrealistischen Landschaften aus denen das Bild zusammengesetzt ist, bilden einerseits eine Vielfalt, andererseits kann keine der Einzelszenen ohne die anderen ihre Wirkung entfalten. Mehr noch: Sie verschmelzen zu einem Bild, zu einer Gesamtszene. Selbst starke, abrupte Hell-Dunkel-Übergänge wie in der Oberen Bildhälfte, wirken nicht als Bruch oder Gegensatz, sondern bilden einen fließenden Übergang, der durch das Bild führt. So gelangt das Auge von einer Szene zur nächsten – aber es springt nicht nervös umher, sondern wird langsam geleitet. Die Szenen bilden einen Rahmen, ein Gerüst, die Architektur des Gemäldes. Und wie bei einem Gebäude ergibt erst die Summe der der Einzelteile das vollendete Ganze.

Parkers Bilder sind im Grunde mit Pastell gefertigte farbige Zeichnungen, komplexe Landschaftsausschnitte, die sich wie Kontinentalplatten übereinander schieben. Die Bilder entstehen intuitiv und ohne Vorlage. Sie stellen somit keine realen Landschaften dar, sondern zeigen Traumwelten, die im Künstler selbst entstanden sind. Traumwelten, die das Innere des Künstlers in seiner Vielschichtigkeit und seinem Facettenreichtum wiederspiegeln. Dabei bleiben die Werke aber so losgelöst von jedem direkten Bezug zu ihrem Schöpfer, dass sich der Betrachter problemlos selbst in sie hineinprojizieren kann. Je nachdem in welchem seelischen Zustand die Landschaften betrachtet werden, treten andere Farbigkeiten, andere Details in den Vordergrund, wirken die Werke mal heller, mal dunkler.

Geboren 1932 in Salisbury, England, kam Parker als Fagottist der englischen Militärkapelle nach Deutschland. Hier entdeckte er 1970 seine Begeisterung für die Kunst. Aus kleinen Skizzen, die beim telefonieren entstanden, entwickelte er einen einmaligen ihn auszeichnenden Pastellstil mit seinen surrealistischen Szenerien.
Parker ist Mitglieder der Künstlervereinigung Dortmunder Gruppe und Preisträger bei der Ausstellung der Pastel Society 1999 in der Mall Galleries in London.

Sven Drühl. S.D.N.N.J.M.

Sven Drühl. S.D.N.N.J.M., 2012, Lack auf Leinwand, 180 x 130 cm

Was soll man von einem Bild halten, dessen Maler von sich selbst behauptet nicht malen zu können? Viel mehr, als nach so einer Aussage vermutet – vor allem, wenn der Maler Sven Drühl heißt.

Auf dem hier ausgestellten Werk erhebt sich eine schwarze Stahlkonstruktion vor einem grau-blauen Himmel. Der Zweck des Gebildes ist nicht zu erahnen, doch verbinden sich die einzelnen Träger zu einer Art Röhre, die sich in eine solch schwindelerregende Höhe erstreckt, dass man sich nicht vorstellen mag, ihre Spitze zu erklimmen. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen führt eine durch einzelne Plattformen untergliederte Leiter an ihr hinauf. Sie dient auch als optische Hilfe für den Betrachter und führt seinen Blick durch das Bild. In dieser Hinsicht ist die Leiter unverzichtbar, sorgen doch allein die zahlreichen Querverstrebungen der Konstruktion dafür, dass die genaue Form des Gebildes nur schwer zu ergreifen ist, und verwirren das ihnen folgen wollende Auge. An der Spitze des dargestellten Objektes erhebt sich eine kleine runde Plattform. Kreisförmig um sie herum angeordnete, diagonal verlaufende Streben verbinden sie mit dem Rest der eigenartigen Struktur. Sie führen die Aufmerksamkeit des Betrachters zurück in das Dickicht der schwarzen Träger, in dem er sich nur verlieren kann. Auch der dargestellte Himmel bietet keine Orientierungshilfe: Nur vereinzelt blitzt aus den ineinander fließenden Grautönen etwas Blau hervor. Die fast vollständig geschlossene, dunkle Wolkendecke lässt einen instinktiv Schutz vor dem drohenden Regen suchen, doch bleibt man in dem Stahlgerüst gefangen, von dem man weiß, dass es keinerlei Schutz vor dem Nass bieten kann.

Das Schaffen von Sven Drühl wirkt auf den ersten Blick relativ unscheinbar im Vergleich zu vielen anderen Werken des modernen Kunsthandwerks. Bei genauerer Betrachtung entfaltet es jedoch eine ungeahnte Tiefe und zieht das Publikum zwangsläufig in seinen Bann. Kaum einem anderen Künstler gelingt es, so konsequent mit dem Geschick eines Hochseilartisten auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Kitsch zu balancieren. In einer Art „Retro-Avantgarde“ kopiert Drühl malend Szenen aus Bildern und Fotos bekannter Künstler heraus und fügt sie zu etwas vollständig Neuem zusammen. Dabei zeichnet ihn eine vollkommen eigenständige Technik aus: Die groben Umrisszeichnungen aus Silikon, die die bunten Flächen voneinander trennen, gliedern das Bild. Auf diese Weise entsteht eine Komposition, die an die leuchtenden Fenster hochmittelalterlicher Glasmalerei erinnert. Der so entstehende Effekt lässt das Bild zugleich real und abstrakt erscheinen: Aus der Ferne betrachtet ergibt sich ein stimmiges Landschaftsbild, doch näher getreten zerfällt es in einzelne Farbflächen, die es erschweren, den dargestellten Gegenstand noch als solchen beschreiben und bezeichnen zu können. Oft genug belässt Sven Drühl die Flächen zwischen den Umrissen in einem schlichten Weiß oder Grau, so dass ein idyllisches Landschaftsbild bei ihm den Charakter einer technischen Konstruktionszeichnung erhält. Diese Grenze zwischen Natur und Technik lässt Drühl noch mehr verschwimmen, wenn er die Umrisse einer Landschaft mit leuchtenden Neonröhren nachbildet.

Der 1968 geborene Sven Drühl studierte von 1991 bis 1996 Kunst und Mathematik in Essen. Seitdem folgten mehrere Lehraufträge an verschiedenen deutschen Hochschulen und 2011 eine Gastprofessur in Hangzhou, China. Mit seinen Werken konnte er mehrere namhafte Stipendien gewinnen. 2007 wurde er mit dem Falkenrot-Preis ausgezeichnet, der für das Setzen neuer Maßstäbe in der modernen Malerei verliehen wird.

Ole Gerlach

Lyonell Feininger

Lyonel Feininger, Strandszene, 1911, Farbstift und Bleistift auf Papier, 16×20,5cm

„Ein gutes Zeichen für meine Arbeit: kein Mensch mag sie leiden hier!“ schreibt Lyonel Feininger 1907, vier Jahre vor der Entstehung der Standszene. Es ist eine schwierige Zeit für den am 17. Juni 1871 in New York geborenen Künstler, wie auch sein ganzes Leben vom ständigen Auf und Ab geprägt ist: Nachdem er als Karikaturenzeichner in Deutschland große Erfolge verzeichnen kann, beginnt er mit bereits 36 Jahren zu malen. Erst durch Kontakte zur Künstlergruppe Der Blaue Reiter und der Galerie Der Sturm, kann er sich etablieren. Als er 1937 gezwungen ist, nach Amerika zu emigrieren, folgt ein gravierender Einschnitt. Doch auch hier kann sein durch Kubismus und seine Tätigkeit als Karikateur geprägter Stil die alte und neue Heimat von sich überzeugen. Lyonel Feininger stirbt am 13. Januar 1956 in seiner Geburtsstadt.

Etwas Karikaturenartiges haftet auch den Personen der Zeichnung Strandszene an. Aus den sich brechenden Wellen in der Mitte des Bildes steigt ein Schwimmer in dunklem Badeanzug. Gleichzeitig tritt eine rot gekleidete Person aus dem Wasser. Auf der linken Bildseite steht hingegen eine Gruppe von drei Personen. Während eine Frau ein leichtes Kleid und eine andere einen Badeanzug trägt, ist die mittlere Person – die größte im Bild – in einen karierten Mantel gehüllt und trägt eine rote Mütze. Sie dominiert durch ihre Größe und ihre kontrastierende Erscheinung das Bild. Wirkt das Bild durch die Schwimmer und die wolkenlosen Himmel fast sommerlich, erhält es durch diese Person eine anachronistische Wende. Der schützend eingehüllte Körper und die leicht gebeugte Haltung lassen unwillkürlich an die scharfen Böen der norddeutschen Küste denken. Selbst der Himmel scheint sich gräulichen zuzuziehen, so dass sich dem Betrachter die Frage stellt: Wer geht bei solchem Wetter eigentlich schwimmen?

Ole Gerlach

Peter Krauskopf, Elbe, B 310213 und B 010609

Peter Krauskopf, Elbe, B 310213 und B 010609

Peter Krauskopf:

Elbe, B 310213, Öl/Leinen, 56cmx50cm, 2013

B010609, 2009, 70x80cm

Obwohl kein reales Abbild des Flusses zu erkennen ist, erzeugt der Titel, Elbe, intuitiv die innere Vorstellung einer Landschaftsdarstellung. Automatisch beginnt der Betrachter die Suche nach Bekanntem: Darstellungen von Elbtälern, Flussmündungen, vielleicht auch Hafenszenen. Doch nichts davon ist auf Peter Krauskopfs Werk genau auszumachen. Vielmehr schimmert es in einem diffusen rötlich-braunen Licht aus dem gräulich-blaue Strukturen und vereinzelte Farbflecken in grün oder gelb-orange hervorleuchten. Doch sind im Vordergrund nicht die Uferfelsen des Gewässers zu erkennen, die in einem gräulichen Nebelschleier verschwinden, der über dem Wasser hängt? Der rötlich-braune Farbverlauf wird zum warmen Licht einer auf- oder untergehenden Sonne, das sich mühsam durch den dichten Dunst hindurchkämpft. Erst jetzt fallen die feinen Abstufungen im Grau des Vordergrundes auf, die an das flussaufwärts strömende Wasser der Elbe erinnern. Wie ein radikaler Schnitt mutet dagegen der linke Rand des Bildes an. Er bricht aus der übrigen Szenerie heraus, ohne jedoch anachronistisch zu wirken. Wie sind seine fließenden Formen zu deuten? Sind es farbige Öltropfen, die auf dem Wasser schwimmen? Oder ist es eher eine aus der Vogelperspektive betrachtete Flusslandschaft? Diesen Gesichtspunkt eingeschlossen, ist das vertraute Gefühl zu erklären: In dem Bild findet ein Perspektivwechsel statt, der den Betrachter mit auf eine Reise nimmt und ihm dabei ein einmaliges Panorama bietet.

Auf eine „Reise“ ganz anderer Art wird der Betrachter in dem Bild B010609 geführt. Hier wächst eine gräuliche Fläche über einem dunklen Untergrund hervor. Einzelne Striche sind nicht deckend aufgetragen, sondern lassen das Werk impressionistisch wirken. Immer wieder treten Farbenmuster darunter liegender Schichten hervor. An den Randbereichen des Bildes geht das Grau fließend in ein Grün über, das besonders auf der rechten Bildseite kräftig strukturiert ist. Im unteren Bildteil rückt die sichtbar gelassene dunkle Untermalung das Grau in den Hintergrund. Wer weiß, dass Peter Krauskopf sich mit den Landschaftsdarstellungen des Barock und der Romantik auseinandersetzt, erkennt noch mehr: Das Grau wird zu einem dichten Nebelschleier, durch den die grünen Schemen einer üppigen Vegetation zu erkennen sind. Weiß blitzen aus dem Dunst die Reflexionen von Licht hervor, das durch die Wipfel der Bäume bricht und sich in einer Wasseroberfläche spiegelt. Auf der linken Bildseite findet sich dagegen in weiter Ferne das gegenseitige Ufer wieder, während im Vordergrund der dicht bewachsene Humus zum Nähertreten einlädt.

Der 1966 in Leipzig geborene Maler Peter Krauskopf erwarb 1995 sein Diplom für Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Anschließend war er Meisterschüler bei Arno Rink. Die mit der Wende gewonnene Freiheit nutzte Krauskopf dazu, in die USA zu reisen und sich mit der Richtung der Neuen Abstraktion, etwa mit Frank Stella zu beschäftigen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begann der Maler jedoch seinen Stil weiterzuentwickeln und die gewonnenen Erfahrungen mit Einflüssen aus der deutschen Romantik zu verquicken. Krauskopf geht es nicht um eine fotorealistische Darstellung von Natur, sondern um das Einfangen eines Eindrucks bei deren Betrachtung und Erleben. Durch die Verbindung von Naturstimmung und monochromen Flächigkeiten erreicht Peter Krauskopf, dass seine Bilder zugleich Impression und Abstraktion sind.

Ole Gerlach

Albert Oehlen, FM7

Albert Oehlen, FM 7, 2008, Öl auf Leinwand, 160x200cm

(Leider habe ich nur ein Bild von FM42 gefunden)

Das Bild von Oehlen stammt aus einer Serie großformatiger Werke, bei denen der Künstler Teile von Werbeplakaten auf eine Leinwand klebt und anschließend übermalt. Sein Ziel ist, etwas Banales in etwas Ästhetisches umzuwandeln. Inzwischen hat er sich von seinen früheren konsumkritischen Werken vollkommen gelöst. Vielmehr soll das Werk eine bewusste Umsetzung einer diffusen Wahrnehmung, etwa einer Atmosphäre, eines Klangs oder auch eines Geruchs sein. Die Ausschnitte aus Werbebotschaften dienten laut Oehlen lediglich dazu, dem Bild einen nervösen Charakter zu geben.

Das Bild FM 7 von 2008 ist dagegen reine Malerei. Die Farbe hat der Maler nach langer, intensiver Überlegung mit den Fingern auf die Leinwand aufgetragen. In scheinbar wilden Schwüngen sind Schwarz, Braun, Blau und leuchtende Neonfarben über das Bild gezogen und an einzelnen Stellen zu leichten Wolken verwoben worden. Zwischen diesen einzelnen Arbeitsschritten können mehrere Tage liegen. Das Ergebnis mag dann zwar spontan wirken, ist jedoch das Ergebnis wohl überlegten Vorgehens. Oehlens Werke erreichen so einen völlig neuen Grad der Abstraktion, aus dem nicht auf den persönlichen Seelenzustand des Malers geschlossen werden kann. Weder die Form noch die Farbe des Dargestellten bieten den Augen des Betrachters Halt. Damit wird auch die Möglichkeit unterbunden, etwas in das Bild hineinzuinterpretieren – ein Zustand, der von Oehlen ausdrücklich gewünscht wird.

Albert Oehlen wurde 1954 in Krefeld geboren und zählt zu den wichtigsten Malern seiner Generation. Er studierte an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg von 1977 bis 1981. Sein provokanter, expressionistischer Malstil ordnet ihn den so genannten Neuen Wilden zu. Im Laufe seiner Künstlerkarriere wurden seine Werke immer abstrakter, gleichzeitig erweiterte er sein Oeuvre auf andere Gebiete wie der Musik.

Ole Gerlach

Emil Nolde, Bäume an der Wiedau

Emil Nolde, Bäume an der Wiedau, um 1924, 34,5×48,5cm, Aquarell und Tusche auf Japanpapier

Bäume an der Wiedau

Emil Nodes Bäume an der Wiedau ist ein wichtiger Bestandteil der laufenden Ausstellung Emil Nolde Maler-Graphik und Ungemalte Bilder in der Kunsthalle Emden. Sein Schaffen ist geprägt von einem unverwechselbaren Stil und einer Vielfalt im Ausdruck. Vor allem seine Aquarelle ragen mit ihren leuchtenden Farben hervor und verfügen über eine schlichte, doch ergreifende Eleganz, so auch im vorliegenden Werk: Ufer Gras und Bäume sind nicht als Gegenstände malerisch ausgestaltet, sondern in ihrer Form reduziert.

Dennoch, und da zeigt sich die Größe von Nolde, erscheint das Dargestellte lebendig und bewegt. Die Bäume winden sich in den Himmel empor als strebten sie nach der Sonne. Wind fährt durch das Blattwerk und lässt die mächtigen Stämme sich biegen, deren Wurzeln sich im Erdboden festkrallen – fast meint man das Rauschen der Wipfel und das Knarren des Holzes zu vernehmen und die frische, salzgetränkte Luft des friesischen Flachlandes zu schmecken.

Am Boden, im Windschatten der Bäume, sind saftgrüne Grasbüschel und rot blühende Blumen zu erkennen, die, geschützt durch das benachbarte Holz, eine gemächliche Ruhe ausstrahlen. Zwischen den Baumstämmen hindurch erstreckt sich der Blick bis zu dem mit schweren Wolken verhangenen Horizont. Hier offenbart sich die Einzigartigkeit der Landschaft: Kein Berg, keine Erhebung bremst das Auge. Es wandert immer weiter und verliert sich in der Unendlichkeit.

Dies kann durchaus als Hinweis auf das mystische, das göttliche Element in der Natur verstanden werden, das Nolde aus der Verborgenheit lösen und für jedermann erkennbar machen wollte.

Die schier unendlichen Weiten, die drohend heraufziehenden Wolken, der mächtige Wind und die den Naturkräften trotzenden Bäume, all dies verdeutlicht die Urgewalt einer Schöpfung, neben der der Mensch klein und schwach wirkt. Obwohl sich Nolde viele Gedanken über die Kunst gemacht hat, sind seine Werke – wie alle expressionistische Kunst – keine intellektuellen Konstruktionen, sondern aus einem tiefen inneren Gefühl heraus entstanden, bei dem nicht zu Unrecht gerne auf Noldes Religiosität verwiesen wird.

Seine größte Inspiration zog der nordfriesische Maler aus der urwüchsigen Natur seiner Heimat. Verbrachte Nolde auch die Winter gerne im Trubel der Hauptstadt Berlin, wirklich arbeiten konnte er nur in seinem Haus in Utenwarfen und später in Seebüll.

In der unberührten, ursprünglichen Gegend Nordfrieslands konnte er am besten die Seele der Natur, das, was sie ausmacht, empfangen und in seine farbenprächtigen Bilder bannen. Noldes Ziel war, diese nichtsichtbare Urkraft in seinen Werken zu offenbaren, nicht eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des Sichtbaren.

Der 1867 als Emil Hansen geborene Maler wuchs im nordfriesischen Ort Nolde auf, dessen Namen er nach seiner Hochzeit 1902 als seinen eigenen annahm. Nach einer ersten Ausbildung zum Schnitzer und Zeichner widmete er sich intensiver der Malerei. Um seiner Heimat näher zu sein und sich besser auf sein Schaffen konzentrieren zu können, erwarb Nolde 1912 Utenwarf. Obwohl diese Region nach dem Ersten Weltkrieg Dänemark zugesprochen wurde, lebte der Maler hier noch eine ganze Weile. Erst 1926 zog er dann nach Seebüll, wo er am 13. Aprill 1956 verstarb.

Innerhalb der Sammlung der Kunsthalle Emden nimmt Emil Nolde eine besondere Stellung ein, gehören seine Werke doch mit zu den ersten, die Henri Nannen erwarb, und bilden damit sozusagen einen Grundstein für die heutige Einrichtung.

Ole Gerlach


Dieser Text erschien auch in der Emder Zeitung.