Gerhard Hoehme, Ein bitteres Bild, ein trauriges Bild

Gerhard Hoehme, Ein bitteres Bild, ein trauriges Bild

Ich bin

gegen das Dogma des Abbildes

gegen das Dogma der Ideologie

gegen das Dogma des Stiles

gegen das Dogma des Künstlers

So lautet der Anfang von Relationen – ein künstlerisches Manifest, das Gerhard Hoehme 1967/68 verfasst. Diesem Grundsatz – wenn auch erst in der Mitte seines künstlerischen Schaffens formuliert – folgt der 1920 geborene Künstler von Anfang an. Seine Erfahrungen als Jagdfliegerpilot während des zweiten Weltkriegs, sowie seine spätere Flucht (1951) aus der DDR in die BRD werden diese konsequente Haltung mit geprägt haben.

Obwohl Hoehmes Talent sich schon in der Schule abzeichnet, kann er sich – bedingt durch die familiären Finanzen, Krieg und Flucht – erst relativ spät seiner Berufung voll und ganz widmen: Er selbst spricht davon, erst 1948 mit dem Malen begonnen zu haben. Der Erfolg bleibt nicht lange aus: Mehrere nationale und internationale Auszeichnungen in den 50er Jahren zeugen von dem ungebrochenen Talent. Von 1954 bis 1956 sitzt Hoehme der Gruppe 53 vor, setzt sich mit dem Informel auseinander und sorgt so dafür, dass Deutschland den Anschluss an die internationale Kunstszene nicht verliert. Doch noch 1959 nimmt die Richtung des Informel auf der documenta II nur einen Platz am Rand ein, ein Umstand, über den Hoehme sich echauffiert, auch wenn er sich künstlerisch zu dem Zeitpunkt längst vom Informel gelöst hat und sich weiterzuentwickeln beginnt. Er erweitert seinen Stil kontinuierlich über die folgenden Jahre: So experimentiert er mit Farben und Farbwirkung, erweitert seine Bilder durch Schnittmusterbögen und Nylonschnüre. Weitere Auszeichnungen und Berufungen als Dozent an deutschen Kunstakademien zollen seinem Talent Anerkennung. Ab 1980 nimmt er am Forschungsprojekt „L’Etna – Mythos und Wirklichkeit“ teil, bei dem am sizilianischen Vulkan Ätna geforscht wird. Während dieser Zeit fertigt Hoehme 14 Bilder und eine Skulptur an. Am 29. Juni 1989 verstirbt Gerhard Hoehme in Neuss-Selikum im Alter von 69 Jahren.

Gerhard Hoehme selbst spricht davon, dass der Tachismus für ihn von Anfang an nur eine kurze „Liebschaft“ gewesen sei. Er weiß, dass er eigene Wege gehen, sich von bereits existierenden künstlerischen Strömungen trennen und kreatives Neuland erkunden muss. Ein wichtiger Schritt ist nicht nur die Auflösung der traditionellen Form des Bildes, darüber hinaus entfernt er sich sogar von der Zweidimensionalität flächiger Darstellungen und entwickelt seine Werke in den Raum hinein. So gelingt es ihm scheinbar Unvereinbares zusammenzuführen. Sein Bild wird zugleich Malerei und Skulptur. Es tritt aus seinem Rahmen hinaus und geht auf den Betrachter zu, den es mit der Energie seiner Farben einfängt und zum Lesen einlädt, denn Hoehme will seine Bilder gelesen, nicht betrachtet wissen. Seine Werke beschäftigen sich zugleich mit dem Künstler selbst und seinem Leben, dem Schaffen an sich und dem Vorgang der Produktion. Sie entwickeln sich aber auch in dem Betrachter – oder besser Leser – und erschließen sich ihm, ohne Kenntnis über den Künstler selbst vorauszusetzen. Diese Intention wird in den Worten deutlich, mit denen Gerhard Hoehme die Relationen abschließt:

Bilder sind eine Lebenshilfe

man soll sich ihrer bedienen zur

Erkenntnis über sich selbst, denn

die Bilder sind nicht auf der Leinwand,

sondern im Menschen.

Lässt man sich unter diesem Gesichtspunkt auf ein bitteres Bild, ein trauriges Bild ein, so muss der Betrachter nicht nur das Bild vor sich, sondern auch das Bild in sich selbst betrachten. Erinnert das aufgewühlte Grau des Untergrundes nicht an ein trostloses Stück Erde ohne jeglichen Pflanzenbewuchs, ohne Leben? Diese Abwesenheit von Leben wird noch betont durch die intuitiv ergreifbare Symbolik der zahlreichen über die Bildfläche verteilten Kreuze. Neben ihnen bleibt kein Platz mehr für Leben, sie sind ein Gleichnis für den Tod. Die verschiedenen Farben und Größen der Kreuze erzeugen die Illusion einer unzählbaren Masse. Man kann ihnen nicht entkommen. So stellt sich beim Betrachten schnell ein beklemmendes Gefühl oder ein Gefühl von Verstörung ein. Und doch reift gleichzeitig die Erkenntnis, dass das Werk dadurch auch zu einer Warnung, einer Ermahnung an den Zuschauer wird, darauf zu achten, dass der entstandene Eindruck ein durch das Bild, nicht durch die Realität hervorgerufener bleibt.

Ole Gerlach