Lyonell Feininger

Lyonel Feininger, Strandszene, 1911, Farbstift und Bleistift auf Papier, 16×20,5cm

„Ein gutes Zeichen für meine Arbeit: kein Mensch mag sie leiden hier!“ schreibt Lyonel Feininger 1907, vier Jahre vor der Entstehung der Standszene. Es ist eine schwierige Zeit für den am 17. Juni 1871 in New York geborenen Künstler, wie auch sein ganzes Leben vom ständigen Auf und Ab geprägt ist: Nachdem er als Karikaturenzeichner in Deutschland große Erfolge verzeichnen kann, beginnt er mit bereits 36 Jahren zu malen. Erst durch Kontakte zur Künstlergruppe Der Blaue Reiter und der Galerie Der Sturm, kann er sich etablieren. Als er 1937 gezwungen ist, nach Amerika zu emigrieren, folgt ein gravierender Einschnitt. Doch auch hier kann sein durch Kubismus und seine Tätigkeit als Karikateur geprägter Stil die alte und neue Heimat von sich überzeugen. Lyonel Feininger stirbt am 13. Januar 1956 in seiner Geburtsstadt.

Etwas Karikaturenartiges haftet auch den Personen der Zeichnung Strandszene an. Aus den sich brechenden Wellen in der Mitte des Bildes steigt ein Schwimmer in dunklem Badeanzug. Gleichzeitig tritt eine rot gekleidete Person aus dem Wasser. Auf der linken Bildseite steht hingegen eine Gruppe von drei Personen. Während eine Frau ein leichtes Kleid und eine andere einen Badeanzug trägt, ist die mittlere Person – die größte im Bild – in einen karierten Mantel gehüllt und trägt eine rote Mütze. Sie dominiert durch ihre Größe und ihre kontrastierende Erscheinung das Bild. Wirkt das Bild durch die Schwimmer und die wolkenlosen Himmel fast sommerlich, erhält es durch diese Person eine anachronistische Wende. Der schützend eingehüllte Körper und die leicht gebeugte Haltung lassen unwillkürlich an die scharfen Böen der norddeutschen Küste denken. Selbst der Himmel scheint sich gräulichen zuzuziehen, so dass sich dem Betrachter die Frage stellt: Wer geht bei solchem Wetter eigentlich schwimmen?

Ole Gerlach